„Der Friedhof in Prag“ von Umberto Eco – Fortsetzung

Nach der Schilderung meines ersten Eindrucks, der wohl im Grunde nur den schwereren Zugang zu dieser Lektüre festhielt und die Erwartungshaltung – immer diese Erwartungshaltung! (denn es handelt sich um ein völlig neues Thema, und warum sollte ein Schriftsteller das nicht bearbeiten sollen? Aber was man bei Fontane beispielsweise liebt oder nicht, den Fontane-Ton in seinen Werken, die man als Fontane-Romane vermeintlich erkennt, das fehlt in diesem historischen Roman gänzlich), las ich dann doch diesen fulminanten und überaus gelehrten Roman. Der poeta doctus, im Sinne Walter Jens‘ „[…] Erbe der Aufklärung […] Analytiker und Forscher, sachkundiger Interpret[…]“, befasst sich, schon der Titel deutet es an, mit einem Thema, das auch in der europäischen Geistesgeschichte einen großen, schwarzen Fleck hinterlassen hat, dem Antisemitismus. Denn das Traurige an dem Historischen Roman ist, dass er auf historischen Tatsachen beruht und sehr dezidiert aufzeigt, wie sich eine kranke Idee, dass nämlich ‚die Juden‘ nach der Weltherrschaft streben, in immer obskureren Varianten und Kopien virushaft ausbreitet!

Zum Beginn des 20. Jahrhunderts (1905) verdichtet sich dann das antijüdische Denken in als echt und wahr verbreiteten „Protokollen der Weisen von Zion“ (in denen angeblich alles über die jüdischen Pläne zur Eroberung der Welt steht), die erst 1921 als Fälschung entlarvt werden und trotzdem weiter verbreitet wurden. Sogar Hitler geht in seinem antisemitischen Buch auf diese ‚Protokolle‘ ein und erklärt sie als echt. „Das ist nicht der einzige gefälschte Text, der den Lauf der Geschichte mitbestimmt hat“, sagt Eco. „Es ist der Text mit den fatalsten Folgen, den meisten Toten.“ Und nicht nur in arabischen Ländern wird er nach wie vor gedruckt.

Das Werk Ecos bietet dem Leser also einen auf Fakten basierenden und abgesicherten Erkenntnisgewinn äußerst wichtiger Art und lädt ein zu einer Reflexion gegenwärtiger Verhältnisse.

Der Roman erfordert, das ist klar, Lesearbeit und bietet doch auch oft humorvolle Passagen, weil man über die Ironie oder den Sarkasmus des Erzählers nur schmunzeln kann. Der Roman ist absolut eine belletristische Bereicherung.

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